Ablenkung von Albträumen
Langsam wurde Almer wach. Der Sessel war gepolstert im Gegensatz zum Waldboden, auf dem er die letzten Nächte verbracht hatte. Trotzdem tat ihm alles weh - vermutlich weil er sich nicht wirklich hatte bewegen können in der Sitzmulde des Sessels und in sich zusammengesackt war. Stück für Stück dämmerte es ihm wieder, wo genau er war.
Der Nachbarsessel hatte die Lehne etwas nach hinten gestellt und beherbergte den mit weit offenem Mund schlafenden Emil, der sein Holzbein gefährlich nah am mittlerweile erloschenen Feuer hatte. Schnell tastete der angehende Druide an seinen Sachen herunter und stellte dann erleichtert fest, dass noch alles da war. Er griff sich leise seinen geflickten Beutel vom nahen Tisch - schön sah der Beutel nicht mehr aus, aber zumindest haltbar und das war gerade eh wichtiger.
Von der Seite hörte Almer ein lauter werdendes Gestammel im Schlaf "Heinz ... det Tauwerk ... konzentriern Heinz ... nur eene Chance". Dann schrie Emil förmlich heraus "HEEEINZ". Als er mit Schweiß auf der Stirn aufwachte, wandte er sich mit irrem Blick um und versuchte dabei aufzustehen. Sein Blick flog über Almer hinweg, hin zum nächsten Fenster und verharrte dort einige Sekunden. Zitternd ließ sich der Alte zurück in seinen Sessel sinken und brabbelt vor sich hin "Keen Jewitter, nur meen wirrer Kopp.". Noch bevor er ganz saß, fiel sein Blick auf Almer, der sich leicht erschrocken zusammengekauert hatte. Während sich Emils Puls wieder normalisierte, begann auch er sich zu erinnern, was den Abend zuvor passiert war. Dann lies er die Anspannung gänzlich aus seinem alten Körper heraus und sackte zurück in seinen Sessel.
"Allet jut. Keen Jewitter und keene stürmische See. Nur een alter Trottel, der verjessen will, aber nich kann. Und nee, fragen is nich erlaubt. Und ja ick nehm nen warmen Tee.". Zögerlich erhob sich Almer - so richtig wohl war ihm bei der ganzen Sache gerade nicht. Andererseits hatte ihn der Alte unvoreingenommen bei sich aufgenommen, Nähzeug zur Verfügung gestellt und ihm sogar hilfreiche Tipps gegeben.
Nachdem Almer ein kleines Feuer im Kamin gemacht hatte (wobei er wie befohlen sparsam mit dem Holz umging - was eigentlich nicht sein Ding war), konnte er in einem verbeulten Kessel Wasser für Tee erhitzen. Als er Emil den Tee brachte, hatte dieser den geflickten Beutel in der Hand. Instinktiv machte sich in dem jungen Mann das Gefühl breit, dass er beklaut werden könnte. Der alte Kauz hatte es jedoch nicht auf den Inhalt des Beutels abgesehen und bemerkte trocken "Da hab ick dir doch jute Tipps jejeben und du hast det ooch nich zu anders umjesetzt. Een altet Schiff weeß halt wie die Sache läuft, da muss die Mannschaft nicht viel machen hehe."
Während Almer abwechselnd pustete und am heißen Tee nippte, wartete er still die Inspektion von Emil ab. Als er seinen Beutel wieder bekam, konnte er sich etwas beruhigen und begann ein ablenkendes Gespräch "Da ist ja noch mächtig viel Arbeit draußen auf den Feldern. Sind ziemlich zugewachsen und Wasser könnten die Pflanzen auch gebrauchen. Ich könnte meine Hilfe anbieten im Austausch dafür, dass ich mir noch mehr Faden auf die Reise mitnehmen darf. Hier wird er ja ohnehin nicht benötig... benutzt.". Benötigt wurde er offensichtlich, aber so lange wie das Näh- und Flickzeug schon da lag, würde es nur verrotten.
Der Alte starrte ziellos ins Feuer und murmelte vor sich hin "Broochen tun die Felder det Wasser, det is wahr. Aber für mir reecht det, wenns sich selbst aussäht und die Natur det Wässern übernimmt. War eh nie der Typ, der det Land umbuddelt. Det hat ooch meene Gretl jemacht, während ihre Viecher um se drumrum jetingelt sind.". Kaum merklich bewegte Emil seinen Kopf vom Kamin weg, aber ein Auge schien Almer zu mustern, bis er ergänzte "Kannst den ollen Faden ooch so haben. Den werd ick wohl nich mehr brauchen. Feuerholz könnteste mir dafür machen, denn muss ick da nich so geizen mit meene alten Knochen. Pass bloß draußen mit die Viecher uff.".
Glücklich über das Angebot mit dem Nähzeug und dass er sich direkt revanchieren konnte, sprang Almer von deinem Sessel auf und begab sich zur Tür. Als er die Hand auf die abgenutzte Klinke legte, hielt er kurz inne, drehte sich nochmal um und fragte "Welche 'Viecher' ?".
Almer
Emil